Symbolbild Mexikos Drogenproblem. Das KI-generierte Symbolbild zeigt keine reale Szene.
Wie EL PAÍS berichtet, hat die jüngste militärische Operation gegen den berüchtigten Drogenboss Nemesio Oseguera, genannt „El Mencho“, eine Welle von Gewalt in Mexiko ausgelöst, die das Land erneut vor die Augen seiner schlimmsten Albträume stellte. Stunden nach dem Tod des Anführers des Cartel Jalisco Nueva Generación (CJNG) zeigten sich Mitglieder der Organisation wie ein monströses Ungeheuer, das aus den Tiefen emporsteigt: Autos brannten in Puerto Vallarta, Straßen wurden blockiert, Geschäfte verwüstet, Menschen flohen in Restaurants, Zoos oder Hotels. Die Bilder von Chaos und Verunsicherung verbreiteten sich binnen Minuten in sozialen Medien und Fernsehen.
Doch schon wenige Tage später schien der Ausnahmezustand in vielen Städten in eine trügerische Ruhe überzugehen. Präsidentin Claudia Sheinbaum betonte öffentlich, dass die Sicherheit wiederhergestellt sei und das anstehende Fußball-Weltturnier in Guadalajara „mit allen Garantien“ stattfinden könne. In Mazatlán, einer Stadt Sinaloas, die von einer offenen Auseinandersetzung zwischen den Kartellen Los Mayos und Los Chapitos geprägt ist, nutzte Sheinbaum ihre Rede, um Präsenz zu zeigen und Sicherheit zu suggerieren. Sie bezeichnete die gewalttätigen Ausbrüche als „besondere Situation“ und erklärte, dass die Normalität zurückgekehrt sei.
Die Offensive gegen den CJNG offenbart die Doppelgesichtigkeit der mexikanischen Sicherheitslage: Auf der einen Seite steht der sichtbare Erfolg des Staates, auf der anderen die alltägliche Bedrohung für Millionen Mexikaner in Gebieten mit hoher Kriminalitätsdichte. Die Geschwindigkeit, mit der Gewalt ausbrach und scheinbar unter Kontrolle gebracht wurde, zeugt nicht von einer tatsächlichen Lösung, sondern von einer Normalisierung des Phänomens. Der Sozialanthropologe Claudio W. Lomnitz, Mitglied von El Colegio Nacional und Professor an der Columbia University, erklärt: „In Mexiko gibt es seit Jahren Wellen der Gewalt, die schnell vergessen werden. Die Regierung vermittelt diese Episoden wie natürliche Schwankungen, ähnlich wie Wetter oder Umweltverschmutzung.“
Auch im staatlichen Umgang mit Kriminalität zeigt sich dieses Muster. Bei einer Pressekonferenz erläuterte Sicherheitsminister Omar García Harfuch die jüngsten Festnahmen im Fall der entführten Minenarbeiter in Sinaloa und präsentierte Grafiken zu Rückgängen bei Mordraten und allgemeiner Kriminalität. Anschließend folgten Ankündigungen von Investitionen in Straßen, Bewässerungssysteme, Bildungseinrichtungen und Freizeitangebote für Jugendliche. Ziel sei es, junge Menschen von kriminellen Gruppen fernzuhalten, erklärte Sheinbaum. Dennoch bleiben die tief verwurzelten Strukturen des organisierten Verbrechens in den betroffenen Regionen bestehen.
In Jalisco hat die Normalisierung von Gewalt Überlebensstrategien geprägt. María (40) und ihr Mann Luis (41), die sich vor acht Jahren aus dem konfliktbelasteten Tamaulipas nach Guadalajara zurückzogen, erleben die jüngste Eskalation als Rückkehr des Horrors, an den sie sich schon gewöhnt hatten. Sie beobachten ihre Umgebung genau, scannen Straßen und Mitmenschen auf potenzielle Risiken. „Unser größter Angstfaktor ist, dass das Kartell keinen Nachfolger für El Mencho findet und interne Kämpfe ausbrechen“, berichtet Luis. Auch wenn die Bürger routiniert auf Bedrohungen reagieren, bleibt die Angst allgegenwärtig. Flucht vor Soldaten oder Polizei ist oft die einzige Überlebensstrategie, da ein Eingreifen der Sicherheitskräfte nicht garantiert ist.
Das Problem reicht tiefer: Die Drogenkartelle sind in die lokale Wirtschaft und das Alltagsleben fest integriert. Nachbarn, Bekannte oder Freunde können direkt mit kriminellen Organisationen verbunden sein. Für die Bevölkerung, die auf diese Strukturen trifft, bedeutet dies ständige Unsicherheit. Die jüngste Operation gegen den CJNG hat zwar El Mencho eliminiert, doch die übrige Struktur bleibt intakt. Wie María erklärt, ist die Bedrohung damit nicht gebannt: „Wir wissen, dass etwas folgen wird, und der Staat muss nun noch intensiver für Sicherheit sorgen.“
Die öffentliche Debatte in Mexiko reflektiert häufig die Perspektive der Behörden und überlagert die der Opfer. Catalina Pérez Correa, Expertin für Sicherheitsfragen bei der Asociación para el Estudio de la Política de Drogas, kritisiert, dass Opfer von Kartellgewalt in der medialen Aufmerksamkeit häufig unterrepräsentiert bleiben. Entführungen, Morde, illegale Abholzung oder der Tod von Umweltaktivisten werden ebenso vernachlässigt wie die systemische Beteiligung lokaler Behörden oder Polizisten an kriminellen Strukturen. Die Operation gegen El Mencho und die daraus resultierende Berichterstattung lenkten den Fokus auf die militärische Dimension, während die sozialen, wirtschaftlichen und menschlichen Folgen weniger Beachtung fanden.
Der Tod des CJNG-Anführers zeigt die Fragilität staatlicher Sicherheitsstrategien und die persistente Macht der organisierten Kriminalität. Er ist ein Reminder, dass Mexiko sich nicht nur auf kurzfristige Erfolge stützen kann, sondern langfristige, umfassende Maßnahmen benötigt, um die Ursachen von Gewalt anzugehen, die Bevölkerung zu schützen und das Vertrauen in den Staat wiederherzustellen.+
Quelle: EL PAÍS