Symbolbild Epstein-Files. Das KI-generierte Symbolbild zeigt keine reale Szene.
Drei Millionen Seiten Epstein-Akten erschüttern Washington und London – doch in Lateinamerika bleibt es erstaunlich still. Dabei führen die Spuren nach Brasilien, Mexiko, Peru, Kolumbien und sogar nach Kuba. Treffen mit Präsidenten, irritierende E-Mails und schwere Vorwürfe zeichnen das Bild eines weitreichenden Netzwerks. Viele Namen sind geschwärzt, vieles bleibt unbewiesen.
Die Veröffentlichung von rund drei Millionen Seiten aus Ermittlungsakten zu Jeffrey Epstein hat in den USA und Großbritannien politische Beben ausgelöst. In Lateinamerika hingegen bleibt die Resonanz verhalten. Dabei zeichnen die nun zugänglichen Dokumente ein beunruhigendes Bild: Der verurteilte Sexualstraftäter und sein Umfeld reisten wiederholt nach Mexiko, Brasilien, Kuba, Peru und Kolumbien – offiziell zu Urlauben oder Geschäftsterminen, tatsächlich aber offenbar auch mit dem Ziel, Kontakte zu knüpfen und Macht zu demonstrieren.
Was in den Akten sichtbar wird, ist kein vollständiges Bild, sondern ein Fragment. Zahlreiche Namen sind geschwärzt, ganze Seiten unleserlich gemacht. Die Veröffentlichung wirkt wie Transparenz unter Vorbehalt. Wer sich durch die Dokumente arbeitet, stößt auf Hinweise, Andeutungen und lose Fäden – ein Geflecht, das Fragen aufwirft, ohne Antworten zu liefern.
Zwischen Urlaub und Ausbeutung
Lateinamerika spielte im Leben Epsteins keine zentrale Rolle, wohl aber eine wiederkehrende. Die Reisen wirkten laut Akten eher privat als geschäftlich motiviert. Doch mehrere Aussagen legen nahe, dass einige dieser Aufenthalte mit sexueller Ausbeutung verbunden gewesen sein könnten.
Ein Beispiel liefert Brasilien. Dort sagte 2010 eine ehemalige Buchhalterin der Modelagentur MC Squared aus, die dem französischen Agenten Jean Luc Brunel gehörte. Die Agentur habe als Rekrutierungsquelle für junge Frauen gedient, darunter auch Brasilianerinnen. Auf Nachfrage der US-Justiz erklärte sie, Epsteins Interesse an der Agentur könne nur darin bestanden haben, „Mädchen zu bekommen“. Von mindestens vier Brasilianerinnen in New York sei ihr bekannt gewesen. Ob es sich um Minderjährige handelte, blieb unklar – ihre Aussage deutete Altersangaben zwischen 16 und 18 Jahren an.
Epstein und Brunel starben 2019 beziehungsweise 2020. Der mutmaßliche Kontaktmann in Brasilien bleibt geschwärzt. Zurück bleibt der Eindruck, dass das Land zumindest als möglicher Rekrutierungsort diente.
Argentinien: Geschäftliche Ambitionen mit Beigeschmack
In Argentinien scheinen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund gestanden zu haben. Mehrere Projekte Epsteins sollen dort gescheitert sein. Gleichwohl finden sich in seinen E-Mails Hinweise auf Modelagenturen und Fotokataloge. Zudem taucht eine Überweisung an den bekannten Stylisten Roberto Giordano aus dem Jahr 2006 auf. Ein strafrechtlicher Vorwurf ergibt sich daraus nicht. Doch wie in anderen Fällen entsteht der Eindruck eines Netzwerkes, in dem Geschäft, Glamour und persönliche Interessen schwer zu trennen sind.
Peru: Tourismus, Royals und verstörende Mails
Besonders brisant sind Dokumente zu Peru. Dort organisierte Ghislaine Maxwell – Epsteins langjährige Vertraute und inzwischen verurteilte Mitangeklagte – im Jahr 2002 eine Reise für Prinz Andrew, den sie intern als „Invisible Man“ bezeichnete.
Ein peruanischer Unternehmer, Juan Esteban Ganoza Temple, sollte laut E-Mails als Gastgeber fungieren. Maxwell bat ihn ausdrücklich um Diskretion und darum, nur vertrauenswürdige Kontakte vorzustellen. In einer Mail taucht die irritierende Frage auf, ob man „Mädchen“ finden könne – verbunden mit einer Nachfrage zum Alter des britischen Royals. Andrew antwortete später, er überlasse diese Frage Maxwell und Ganoza.
Ganoza bestätigte bereits 2020 seine Bekanntschaft mit Maxwell, wies jedoch jede Beteiligung an Straftaten zurück. Seit der Veröffentlichung der neuen Akten äußerte er sich nicht. Die Mails bleiben damit ein schwer belastbares, aber moralisch verstörendes Indiz.
Kolumbien: Nähe zur Macht
In Kolumbien rückt der frühere Präsident Andrés Pastrana in den Fokus. Maxwell berichtete 2003 in einer E-Mail von einem Besuch, bei dem sie in einem Militärhubschrauber über dem Amazonas geflogen sei. Fotos zeigen sie gemeinsam mit Pastrana in Uniformen der Luftwaffe.
Pastrana erklärte, sein damaliges Ziel sei es gewesen, internationale Persönlichkeiten für Kolumbien zu gewinnen. Zu diesem Zeitpunkt habe es keine öffentlichen Vorwürfe gegen Epstein gegeben. Er räumte ein, Maxwell habe einen Trainingsflug auf einem Militärgelände absolviert.
Brisant ist auch ein späterer Kontakt: 2009 schrieb Jean Luc Brunel Pastrana eine freundliche E-Mail. Diese Korrespondenz fand fast ein Jahr nach Epsteins erster Verurteilung statt. Pastrana betonte, er habe kaum Kontakt zu Brunel gehabt. Die Frage, weshalb der Austausch dennoch stattfand, beantwortete er nicht öffentlich. Journalistinnen forderten eine umfassende Erklärung.
Mexiko: Schwere Vorwürfe ohne Belege
Am schwersten wiegen Vorwürfe aus Mexiko. Ein FBI-Informant behauptete 2019, Epstein habe 2014 in Ciudad Juárez eine Feier ausgerichtet, bei der der damalige US-Botschafter Earl Anthony Wayne eine Minderjährige missbraucht und geschwängert habe.
Für diese Anschuldigungen existieren laut Akten keine gerichtlichen Belege. Der Informant behauptete zudem, Wayne sei in den USA verurteilt worden, ein anderer habe seine Strafe übernommen – eine Darstellung, die weder durch Dokumente gestützt wird noch offiziell bestätigt ist. Wayne wies alle Vorwürfe zurück. Auch seine Universität erklärte, es gebe keine verifizierbaren Hinweise auf die behaupteten Taten.
Kuba: Reise im Schatten
Kuba erscheint in den Dokumenten im Zusammenhang mit einer Reise Epsteins und Pastranas zu einem Treffen mit Fidel Castro. Der frühere kolumbianische Präsident betonte, es habe sich nicht um einen Flug mit dem später berüchtigten Privatjet gehandelt. Details zu Aktivitäten auf der Insel bleiben spärlich. Die Akten liefern keine Hinweise auf Straftaten in Kuba selbst – wohl aber auf die internationale Reichweite von Epsteins Kontakten.
Ein Muster aus Macht und Schweigen
Was bleibt, ist das Bild eines Netzwerks, das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Eliten streifte – manchmal flüchtig, manchmal intensiver. Für Lateinamerika bedeutet das bislang vor allem: offene Fragen.
Die Region ist mit eigenen Krisen beschäftigt – Gewalt, politische Instabilität, wirtschaftliche Unsicherheit. Die Bereitschaft oder Fähigkeit, internationale Skandale aufzuarbeiten, ist begrenzt. Zugleich offenbart der Fall ein strukturelles Problem: Wo Macht, Reichtum und internationale Beziehungen zusammentreffen, verschwimmen Verantwortlichkeiten schnell.
Die freigegebenen Dokumente werfen mehr Schatten als Licht. Sie zeigen, wie eng private Interessen und öffentliche Ämter sich berühren können. Und sie verdeutlichen, dass Transparenz ohne vollständige Offenlegung nur begrenzte Wirkung entfaltet.
Quelle: EL PAÍS