J. Antonio Cruz Coutiño, Templo Mayor Toniná 1, Zuschnitt Mundus Novus 24, CC BY-SA 4.0
Mitten im bergigen Süden Mexikos erweitert eine der eindrucksvollsten Maya-Stätten ihr geschütztes Areal. Die antike Stadt Toniná im Bundesstaat Chiapas ist um neun Hektar größer geworden. Grundlage ist ein staatliches Dekret, das ein innerhalb der archäologischen Zone gelegenes Grundstück enteignet und dem Nationalen Institut für Anthropologie und Geschichte (INAH) überträgt. Ziel ist die langfristige Sicherung und wissenschaftliche Erforschung eines Ortes, der in der vorkolumbischen Welt eine bedeutende Rolle spielte.
Toniná liegt mehr als 150 Kilometer östlich von Tuxtla Gutiérrez auf einem Höhenrücken, der sich rund 75 Meter über das umliegende Tal erhebt. Sieben übereinander angelegte Plattformen mit insgesamt 260 Stufen prägen das monumentale Erscheinungsbild. Im Zentrum ragt eine Akropolis auf, die höher sein soll als die berühmte Sonnenpyramide von Teotihuacán. Allein diese Dimension verdeutlicht den politischen und religiösen Anspruch der einstigen Herrscher.
Nach Angaben der Behörden umfasst die Anlage 97 identifizierte Bauwerke, zwei Ballspielplätze sowie 38 Grabstätten. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert nach Christus. Besonders prägend war der Herrscher Tzots Choj – „Fledermaus-Tiger“ –, unter dessen Führung Toniná militärische Auseinandersetzungen mit benachbarten Machtzentren wie Palenque und Copán austrug. Die Konflikte deuten auf ein engmaschiges Netzwerk rivalisierender Stadtstaaten hin, in dem politische Dominanz eng mit religiöser Legitimation verwoben war.
Architektonisch ist die Anlage funktional gegliedert. Acht bauliche Barrieren trennen den religiös-administrativen Kern vom übrigen Komplex. Zu den markanten Bauwerken zählen die „Casa de las Luciérnagas“, mutmaßlich Residenz des Herrschers mit ausgeklügeltem Entwässerungssystem, der „Friso de las Cuatro Eras“, der mythische Weltzeitalter darstellt, der „Templo del Espejo Humeante“ sowie ein Altar, der mit rituellen Opferhandlungen in Verbindung gebracht wird. Eine große Plaza und die weitläufige Akropolis dominieren das Areal im Ocosingo-Tal.
Kulturministerin Claudia Curiel betonte, Toniná sei ein wesentlicher Bestandteil der lebendigen Geschichte von Chiapas und Mexiko. Das Dekret sichere nationales Kulturgut und ermögliche einen erweiterten Zugang zu historischem Wissen. Tatsächlich schafft die Enteignung rechtliche Klarheit: Private Besitzverhältnisse innerhalb archäologischer Zonen können Grabungen, Restaurierungen oder Besuchermanagement erschweren. Mit der Übertragung an das INAH sollen Forschung, Konservierung und öffentliche Vermittlung gebündelt werden.
Die Regierung kündigte zudem ein umfassendes Reaktivierungsprogramm an. Dieses soll Voraussetzungen für eine spätere Wiedereröffnung unter kontrollierten Bedingungen schaffen – mit Blick auf Sicherheit, Erhaltungsstandards und soziale Einbindung der umliegenden Gemeinden. Der Schritt verdeutlicht einen strategischen Ansatz: Archäologisches Erbe wird nicht nur bewahrt, sondern als kulturelle Ressource verstanden, die Identität stiftet und regionale Entwicklung fördern kann.
Mehr als 1400 Jahre nach den ersten bekannten Bauphasen bleibt Toniná damit ein dynamischer Ort. Die jüngste Erweiterung ist weniger eine territoriale Ausdehnung als ein Signal kulturpolitischer Prioritätensetzung. Sie unterstreicht, dass der Umgang mit präkolumbischem Erbe in Mexiko weiterhin als staatliche Kernaufgabe definiert wird – zwischen wissenschaftlicher Neugier, nationaler Symbolik und kontrollierter Öffnung für die Öffentlichkeit.
Bildquelle: J. Antonio Cruz Coutiño, Templo Mayor Toniná 1, Zuschnitt Mundus Novus 24, CC BY-SA 4.0