Auf Spurensuche im Eis - Mexiko betritt die Antarktis als offizielle Forschungsnation. Das KI-generierte Symbolbild zeigt keine reale Szene.
Eine mexikanische Forschergruppe der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) hat Ende 2025 eine historische Expedition in die Antarktis unternommen – die erste offizielle Forschungsreise des Landes zum Südpol. Unter der Leitung von Dr. Rafael López sowie den Doktorinnen Daisy Valera, Elsa Arellano und Laura Almaraz erreichte das Team nach einem fünftägigen, stürmischen Übergang durch die berüchtigte Drake-Passage die ukrainische Basis Vernadski, mehr als 1.300 Kilometer vom amerikanischen Kontinent entfernt. Unterstützt wurde die Reise vom Nationalen Zentrum für Antarktisforschung der Ukraine (NASC).
Die Vorbereitungen auf diese einmalige Mission begannen nur wenige Monate zuvor. Nach einer Auswahlphase im August und September startete die Expedition bereits Ende November. „Es war eine intensive Phase“, erinnert sich Dr. Almaraz, Expertin für Meereswissenschaften und Limnologie. Neben der fachlichen Vorbereitung mussten alle Teilnehmer medizinische Tests und physische Belastungstests bestehen, da die Antarktis zu den unwirtlichsten Regionen der Erde zählt. Starke Kälte, Wind und unwegsames Gelände erforderten körperliche Fitness und sorgfältige Planung.
Forschung im Eis: Sedimente erzählen Klimageschichten
Die Doktorinnen Elsa Arellano und Laura Almaraz untersuchten marines Sediment, das als „paläoklimatisches Archiv“ gilt. Jede Schicht am Meeresboden speichert Informationen über vergangene Umweltbedingungen. „Die Überreste von Organismen, die auf der Oberfläche lebten, lagern sich Schicht für Schicht ab. In jedem Millimeter Sediment steckt etwa 100 Jahre Klimageschichte“, erklärt Almaraz. Mit einem speziellen Multinukleator, einer Art großdimensionierter Spritze, entnahmen sie Sedimentproben, um spätere Analysen zu möglichen Klimaänderungen, Schmelzraten, Meeresspiegelanstieg, Veränderungen in Salzgehalt, pH-Wert und Sauerstoffgehalt zu ermöglichen.
Wetterbedingungen waren dabei ein limitierender Faktor: Bei starkem Schneefall oder starkem Wind konnte der Forschungsbereich nicht betreten werden. Dennoch gelang es, wertvolle Daten zu sammeln, die in den kommenden Monaten detaillierte Einblicke in die paläoklimatische Entwicklung der Antarktis liefern werden.
Gesteinsproben als Zeitmaschine: Ein Blick in den Jurazeit
Parallel erforschten Dr. Rafael López und Dr. Daisy Valera Gesteinsformationen aus dem Jura, um die klimatischen und geologischen Bedingungen vor über 145 Millionen Jahren zu rekonstruieren. Damals war die Antarktis noch nicht gefroren, Pangaea begann sich aufzulösen, und riesige Pflanzen- und Tierarten bevölkerten die Region, darunter übermannshohe Pinguine. „Erst die Entstehung der zirkumpolaren Strömung machte die Antarktis zum kältesten Kontinent der Erde“, erläutert López.
Für die Gesteinsproben nutzten die Wissenschaftler kleine Schlauchboote, um zwischen den Inseln des Archipels zu navigieren. Die extremen Bedingungen und die Gefahr durch Eisblöcke stellten eine ständige Herausforderung dar, doch die gewonnenen Proben liefern wertvolle Informationen zur Erdgeschichte und den klimatischen Entwicklungen.
Nationale Perspektiven: Mexiko auf dem Weg zur Antarktis
Die Expedition ist nicht nur für die Wissenschaft von Bedeutung, sondern zeigt auch Mexikos Potenzial für internationale Zusammenarbeit in der Antarktisforschung. Der Antarktisvertrag, der seit 1959 den Schutz des Kontinents und die wissenschaftliche Forschung regelt, könnte 2048 überprüft werden. López sieht darin eine strategische Chance: „Mexiko sollte die Antarktis im Auge behalten. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, damit zu beginnen.“ Die Forscher hoffen, dass ihre Proben bald freigegeben werden, um die Analysen zu starten, und dass Mexiko langfristig eine eigene Forschungsbasis im südlichen Polargebiet etablieren kann. Eine zweite mexikanische Forschungskampagne ist bereits in Planung.
Die Reise ans Ende der Welt markiert einen wichtigen Meilenstein: Sie verbindet paläoklimatische und geologische Forschung, internationale Kooperation und die Chance, Mexikos wissenschaftliche Kompetenzen in einem globalen Kontext sichtbar zu machen.